Vortrag von Martin Levin im Anschluss an die Mitgliederversammlung der Bürgerinitiative Gegenwind e.V.

Martin Levin, langjähriger Oberförster a.D. der Stadt Göttingen referierte im Anschluss an die Mitgliederversammlung über das Thema „Wald und Klima“.
Anhand der Frage „Kann der Wald das Klima retten?“ erklärte er die Zusammenhänge zwischen Wetter und Klima, dem messbaren Temperaturanstieg und der Zunahme von Starkregenereignissen aufgrund der Auswertungen des Deutschen Wetterdienstes. Der derzeitige Stand der Erderwärmung betrage 1,6 Grad Celsius und habe einen exponentiellen Verlauf. Der CO2-Gehalt in der Erdatmosphäre habe durch menschliche Aktivitäten wie Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas, Verbrennung von Wäldern und Vernichtung von Mooren zugenommen.

Dieser CO2-Ausstoß hat vor allem seit dem Jahr 2000 massiv zugenommen. Dabei entfallen auf
• Energiesektor: 299 Mio. (≈ 34 %)
• Industrie: 196 Mio. (≈ 23 %)
• Verkehr: 163 Mio. (≈19 %)
• Haushalte: 82 Mio. (≈ 9 %)
• Landwirtschaft: 64 Mio. (≈ 7 %)*
• Abfall und sonstige Emission: 55 Mio. (≈ 6 %)
(Quelle: Umweltbundesamt)

Bei der Weltklimakonferenz 2018 sei gefordert worden, den Krieg gegen die Natur zu beenden. Herr Levin stellte die Bedeutung des Bodens als Nahrungsgrundlage und als CO2-Speicher dar. Seit 2017 werden täglich in der BRD 86 Hektar Boden versiegelt. Weltweit reduziere sich die Ackerfläche durch Wind-und Wassererosion sowie falsche Landwirtschaftstechnik. Wenn wir so weiter machen, verlieren wir im laufenden Jahrhundert rund 50 % des fruchtbaren Ackerbodens. Weitgehend unbekannt sei, dass entwässerte Moore jährlich 5% des menschgemachten CO2-Ausstoßes emittieren.
Es sei überlebensnotwendig, die Kohlenstoffspeicherpotentiale der Ökosysteme wiederherzustellen. Eine globale Aufforstung geeigneter Flächen könne den Klimawandel effektiv bekämpfen. Der Wald sei ein wirksamer CO2-Speicher, der aber von der Menschheit missachtet und ständig abgeholzt werde. Dazu kamen in Deutschland massive Schäden durch Sturm, Dürre, Insektenbefall und weitere Baumerkrankungen in den Jahren 2018 und 2019.
Um die Frage zu beantworten „wie können wir unsere Wälder stabilisieren“ holte Levin weit aus. Zunächst erklärte er den Unterschied zwischen Forsten, Wäldern und Urwald. Mit dem Beginn der modernen Forstwirtschaft im 19. Jahrhundert änderten sich Landschaft und Wälder radikal. Für jede Baumart und jeden Standort wurden spezifische Waldbausysteme entwickelt. Damit entstanden ertragreiche Wirtschaftswälder. Die in Deutschland ursprünglich typischen Buchen wurden in den „Försterwäldern“ durch Fichten und andere Nadelbäume ersetzt.
Mit der Entschlüsselung und Systematisierung der letzten Urwälder Europas in den vergangenen Jahren habe die Forschung zunehmend deren besondere Ökosysteme erkannt. Darin arbeiten viele Partner/Netzwerker zusammen, um den Wald gesund zu halten: Insekten, Pilze sowie das besondere Netzwerk Mykorrhiza als verbindendes Element in der Lebensgemeinschaft Wald. Baumwurzeln und Mykorrhiza seien so miteinander verwoben, dass sie ein gemeinsames riesiges Versorgungssystem bilden. Jeder Baum sei von einem Geflecht vom 2,5- bis 3fachen Radius seiner Baumhöhe umgeben, dies erhöhe seine Absorptionsfläche auf das 100fache. Weitere Netzwerker seien Pflanzen und die Tierwelt.
Die biologische Vielfalt verbessert die Funktion, die Resilienz und die Serviceleistungen der Ökosysteme. Dazu gehöre beispielsweise auch die Temperatursteuerung im Wald.
Daraus müsse man folgern:
Wälder werden widerstandsfähiger, wenn sie älter werden und ihr Vorrat steigt, weil in gleichem Maße die Biodiversität zunimmt.
Die bestangepasste Biodiversität haben naturnahe Wälder mit heimischen Baumarten.
Wälder müssen wieder älter und vorratsreicher werden, damit sie zu reifen Ökosystemen mit hoher Stabilität werden.
Plantagenähnliche Forste sind im Zuge der Nutzung dauerwaldartig in standortsheimische Baumarten zu überführen und damit zu stabilisieren.
Zur Frage: wie repariert sich der Wald am besten, führt Levin aus:
Dürre und Hitze sind Stresssituationen, die eine genetische Anpassung provozieren.
Um diese Anpassung auszunutzen, sollten Bäume mit bester Vitalität und Qualität dauerhaft von der Nutzung ausgenommen werden, damit sie ihre guten Eigenschaften an die nachfolgende Generation weitergeben können.

Es sollte möglichst viel mit Naturverjüngung gearbeitet werden und man sollte auf den 2018 entstandenen Freiflächen ggf. Wälder mit Pionieren wie Birke und Vogelbeere entstehen lassen.

Wenn gepflanzt werden soll, dann möglichst wenige Bäume pro Hektar in weitem Verband, und möglichst mit Saatgut aus den Stressjahren 2018/19.

Die Verwendung standortsheimischer Baumarten ist ratsam, weil sie die besten „Netzwerker“ sind.

Wer unbedingt mit nicht-standortsheimischen Baumarten oder mit Exoten in seinem Wald weiter experimentieren will, muss sich über das erhöhte Risiko klar sein. Empfehlung: Anteil dieser Baumarten nicht über 10% und nur in kleinen Gruppen zwischen die heimischen Baumarten pflanzen.
Sodann erklärte Levin den Einfluss der Bewirtschaftung auf die Stabilität der Wälder:
Die Bewirtschaftung des Waldes ist immer ein Stressfaktor.
Um in Dürrestresszeiten den Wald fit zu halten, sollte die Holzernte so schonungsvoll wie möglich geschehen (Dauerwald, Zielstärkennutzung, maximal natürliche Prozesse im Wald zulassen). Die Einschlagsmenge sollte zurückgefahren, Vorräte aufgebaut und der Anteil an Starkholz erhöht werden.
Nach Extremjahren ist es sinnvoll, die Holzernte vorübergehend einzustellen (so wird im Göttinger Stadtwald verfahren) oder auf das Schadholz zu beschränken.
Intensive Belastung des Waldbodens bei der Holzernte sollte durch Einsatz neuer Techniken vermieden werden.
Der Mindestabstand der Rücke-Linien sollte 40 m betragen.
Mit den nachfolgenden mahnenden Empfehlungen beschließt Herr Levin seinen Vortrag:
Wir strapazieren die Erde und ihre Ressourcen momentan in einer Weise, als ob es kein Morgen gibt!
10 Milliarden Menschen träumen von einem westlichen Lebensstandard.
Rohstoffe werden in kürzester Zeit bei ungenügend entwickelter Kreislaufwirtschaft verbraucht.
Die vorhandenen CO2-Speicher auf dem terrestrischen Teil der Erde werden durch falsche Landnutzung abgebaut und andererseits werden massive CO2-Anteile in der Atmosphäre durch Verbrennen fossiler Energieträger aufgebaut.
Die bisherigen Maßnahmen sind in keiner Weise ausreichend, um auch nur das Ziel +2 Grad einzuhalten.
Der Wald kann uns bestenfalls Zeit für unser Gegensteuern liefern, wenn wir die vorhandenen und künftigen Wälder im ökologischen Sinne stabilisieren. Bei einem Temperaturanstieg +3, +4 oder mehr Grad werden uns vermutlich weder die heimischen noch ausländische „Wunderbaumarten“ mehr helfen und sich die Landschaft unseres Heimatlandes deutlich ändern.
Die Aufgabe von uns Europäern wird sein, eine qualitativ bessere Lebensform für uns und unsere Kinder zu entwickeln, die mit der Ökologie der Erde vereinbar ist und so viel Glück und Zufriedenheit liefert, dass sie auch für den Rest der Menschheit anstrebenswert wird.
Machen wir uns ohne Panik, aber schnell daran, diesen Weg zu finden – für uns, unsere Kinder und für unseren Wald!

Mit einem kräftigen Applaus bedankten sich die Zuhörer für den fesselnden und informativen Vortrag. Es schloss sich eine intensive Diskussion mit vielen Fragen an.
Danke Herr Levin!

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